De Spraak is ok sun Saak!



Über die unterschiedliche Wahrnehmung von Sprache


Plattdeutsch und Hochdeutsch erlebe ich sehr unterschiedlich. Entsprechende Begriffe nehme ich gefühlsmäßig und auch inhaltlich ganz verschieden wahr. Ich möchte das an drei Beispielen erläutern:


Wenn ich das Wort „Schiet“ höre, dann schwingen ganz andere Dinge mit als beim hochdeutschen „Scheiße“, das für mich ungleich härter klingt.

Warum ist das so? Vielleicht, weil man als Kind zärtlich „du kleene Schietbüdel“ genannt wird, ein Ausdruck, für den es im Hochdeutschen keine Entsprechung gibt. Vielleicht, weil das Wort „Schiet“ in vielen Verbindungen auftaucht, die nur entfernt etwas mit der „Scheiße“ zu tun haben. So haben wir z.B. das Unkraut als Schiet bezeichnet: „Twischen de Kartüffeln mutt hackt warrn, de Schiet nimmt överhand.“ Das Adjektiv „schietig“ bedeutet „dreckig“, hat also keine adäquate hochdeutsche Entsprechung. Auch das Substantiv „Schiet“ wird sehr oft in der Bedeutung von „Dreck“, „Schlamm“ oder „Abfall“ verwendet. Wenn man sagt: „He is in'e Schiet fullen.“, bedeutet das nicht, dass dort Kot gelegen hat, es muss auch nicht schlammig sein. Oft wird „Schiet“ auch in der Bedeutung von „Mist“ verwendet und Mist war früher Dünger, also nicht etwas durchweg Negatives.

Erstaunlicherweise empfinde ich die Ausdrücke auch dann unterschiedlich, wenn die Bedeutung identisch ist wie bei „Kohschiet -Kuhscheiße“ und „Schietwedder – Scheißwetter“, ohne dass ich das erklären könnte. Im Vergleich zum Ausruf „Scheiße!“ klingt mir das plattdeutsche „Schiet ok!“ geradezu sanft.


Das zweite Beispiel ist, wie man auf Platt sagen würde: vigeliensch.

Wenn ich mit meiner Familie bei meiner Mutter zu Besuch war, erzählte sie immer von Verwandten, Nachbarn und Bekannten, die naturgemäß alle immer älter - und nicht gesünder - wurden. Eine ihrer Redewendungen war dann: „De is ok nich mehr veel wert.“ Meine Frau, die aus Süddeutschland stammt und mühsam lernen musste, unser Platt zu verstehen, war hell entsetzt über diesen Ausspruch, während mir an der Aussage nichts ungewöhnlich vorkam. Ich hatte ihn von Kindheit an gehört und wusste, was Mutter damit ausdrücken wollte. Z.B. konnte es heißen: der Gesundtheitszustand eines Nachbarn war schlechter und die Fähigkeit auf dem Bauernhof mitzuarbeiten war geringer geworden. Was es auf keinen Fall bedeutete, war, dass die Wertschätzung dieser Person als Mensch auch nur angerührt wurde oder gar infrage gestellt wurde. Mit den Worten des Grundgesetzes: Die Würde blieb absolut unangetastet. Die Vorstellung, dass für diesen Menschen sich ein teures Medikament nicht mehr „lohnen“ würde, wäre ihr auch nicht im Entferntesten in den Sinn gekommen.

Im Hochdeutschen stellt sich bei mir beim Begriff „Wert des Menschen“ sofort die Assoziation „unwertes Leben“ ein, deshalb würde ich sofort intervenieren, wenn jemand den Satz meiner Mutter in einem hochdeutschen Zusammenhang hochdeutsch ausspräche, dabei würde es sehr ähnlich klingen. In einem hochdeutschen Kontext wäre ich genauso entsetzt wie meine Frau: die Würde des Menschen wäre angetastet.


Zum Schluss kommt - meine würde Frau sagen -  das Letzte: „He is dotbleven.“, heißt nichts anderes als „Er ist gestorben.“ und wird von mir auch unmittelbar so verstanden. Wenn jemand auf hochdeutsch sagen würde: „Er ist totgeblieben.“, würde ich sagen: „Was denn sonst, glaubst du an seine Wiederaufstehung?“


 

Wie ich eine sprachliche Äußerung auffasse und was sie gefühlsmäßig auslöst, ist bei mir also davon abhängig, ob die Sprachumgebung momentan hochdeutsch oder plattdeutsch ist. Dass ich diesen Text auf hochdeutsch schreibe, hat also damit zu tun, dass – solange ich plattdeutsch denke – für mich gar kein Problem vorliegt. In meiner Muttersprache stellen sich zu plattdeutschen Redewendungen keine „Hintergedanken“ ein; ich verstehe sie unmittelbar.

 

 

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