Zum Gedicht „De Sokratische Method'“ von Fritz Reuter

 

Der Satz „Un de verdammten Jungs, de weten nix“ gehört seit früher Jugend zu meinen persönlichen „geflügelten Worten“. Dabei weiß ich nicht einmal, ob ich das Reuter- Gedicht, das diesen Vers in Mecklenburger Platt enthält, jemals ganz gehört oder gelesen habe.

 

Bei der Beschäftigung mit Klaus Groth bin ich in dem Wikipedia-Artikel http://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_Groth auf die folgenden Zitate gestoßen, in denen Klaus Groth die „Läuschen un Riemels“ von Reuter scharf kritisiert:

 

„Da ist alles gleich, nämlich alles gemein, Bürger und Adel, hoch und niedrig.“

„aber sie sind durch und durch gemein. Sie führen uns nur plumpe, unwissende oder schmutzige, schlaue Figuren vor.“

 

Das hat mich neugierig gemacht und ich habe in der Gutenberg-Bibliothek das Gedicht „De Sokratische Method'“ aufgerufen: http://gutenberg.spiegel.de/buch/l-1393/58  , aus dem das Anfangszitat stammt.

 

Die Frage ist nun, ob Groths Kritik speziell auf dieses Gedicht zutrifft. Meine spontane Antwort ist: eher nicht. Beim Lesen des Gedichts habe ich mich vielmehr gefragt, ob Groth den satirischen Charakter der Reuter - Gedichte überhaupt erkannt hat.

 

Der adlige Schulrat, der zur Überprüfung des Dorfschullehrers kommt, wird genauso vorgeführt wie der schlecht ausgebildete Lehrer, der ständig über das Hochdeutsche stolpert:“»Ich weiß nich, woans diese seind«, Seggt Rosengräun, »wenn Sie's mich weisen wollen, Denn will ich gerne Schul nah hollen.« „

Das ist für mich in erster Linie eine Kritik an dem System. Es wird ein unzulängliches Schulsystem auf die Schippe genommen, das solche Lehrer hervorbringt. Dass kein Unterschied zwischen Adligen und Bürger gemacht wird, ist, zumindest aus heutiger Sicht, kein Grund zur Kritik, sondern eine Selbstverständlichkeit und das war es möglicherweise auch für einen Demokraten in der Mitte des 19. Jahrhunderts. In diesem Fall ist es aber doch wohl so, dass der adlige Schulrat besser wegkommt als der Schulmeister. Es ist also zumindest in diesem Gedicht nicht alles „gemein“.

 

Was hier dargestellt wird, ist eine Parodie auf die dialogische Unterrichtsmethode. Ich bin noch in den 70er Jahren in der Gesprächsführung ausgebildet worden, die man „fragend-entwickelnder-Unterricht“ genannt hat, die schon bald als „fragend-enträtselnder-Unterricht“ verspottet wurde und die heute im Rahmen von schülerzentriertem Unterricht ganz verpönt ist. Diese Form des Unterrichts, wenn sie mit der entsprechenden Fragetechnik durchgeführt wird, hat aber vor allem im naturwissenschaftlichen Unterricht immer noch ihren Sinn und Nutzen, vorausgesetzt, dass es sich dabei nur um einzelne Phasen des Unterrichts handelt und es um die Klärung oder Lösung von Problemen geht. Von Anfang an aber hat nie funktioniert, etwas aus Schülern herauszufragen, was nicht in ihnen steckt. Das wurde bis zur Lächerlichkeit solange getrieben bis die Antwort „vom Schüler“ kam. Diese Form ist natürlich heute wie damals ein Witz.

 

Im Falle des Herrn Ix von Ixenstein werden mit Hilfe von Eselsbrücken die gesuchten Flussnamen aus den Schülern herausgefragt. Das mit „sokratischer Methode“ zu bezeichnen, kann auch damals nur Satire gewesen sein, denn es geht um keinerlei Verständnis für einen Sachverhalt, sondern nur um das Lernen und Behalten von Namen. Ich denke aber, die sokratische Methode wollte Einsicht erreichen. Im Übrigen lernen wir den Herrn vom Adel als freundlich und umgänglich kennen.

 

Ist nun der Lehrer Rosengräun eine der „plumpen, unwissenden oder schmutzigen Figuren“? Nun, der erste Eindruck scheint zu bestätigen, dass er plump und unwissend ist. Bei genauerem Hinsehen stellt man aber fest, dass von einem unter Prüfungsstress stehenden Lehrer erzählt wird, der ziemlich neben sich steht: „Denn wat hei sünst so prächtig weit, Dat is hüt allens in de Hecken“. Und den kapitalen Bock, den er am Ende des Gedichts schießt, ist, so denke ich, auch dem Stress geschuldet. Wer je solche Unterrichtsbesuche erdulden musste, weiß wovon die Rede ist.

Im Übrigen wird der Lehrer durchaus als sympatisch und auch nicht plump dargestellt, sondern eher als etwas übereifrig; von Schmutz kann keine Rede sein. Und wenn wir über ihn lachen, so verliert er dennoch nicht unsere Sympathie.

 

Groth und Reuter haben fundamental unterschiedliche Auffassungen über die Funktion ihrer Gedichte. Während Reuter die Realität humorvoll abbilden will, hängt Groth dem eher romantischen Traum an, plattdeutsch zu einer Literatursprache zu machen. In der realen Welt von Reuter vermischen sich Plattdeutsch, Hochdeutsch und ihrer kruden Mischung, dem Missingsch, zu komischen und tragisch komischen Situationen.

 

 

Um mit Robert Gernhardt zu sprechen: Das Gedicht kann alles. Beide, Groth und Reuter, haben ihren Platz. Aber Groth hätte gut daran getan, seine Kritik für sich zu behalten.

 

Übrigens habe ich dazu ein Gedicht geschrieben: Reuter und Groth