Über den Roman "Die Mittagsstunde" von Dörte Hansen

 

 

Bisher habe ich auf diesen Seiten über „Schloss Gripsholm“ von Kurt Tucholski und über die „Jahrestage“ von Uwe Johnson geschrieben, weil plattdeutsche Einsprengsel in diesen Romanen eine große Rolle spielen. Jetzt gibt es aktuell den Roman „Mittagsstunde“ von Dörte Hansen. Das Plattdeutsche wird auch in diesem Roman gekonnt und - wie ich finde - authentisch eingesetzt.

 

Der Roman „Mittagsstunde“ spielt in dem fiktiven Dorf Brinkebüll, das irgendwo zwischen Niebüll und Husum angesiedelt ist. Es liegt auf der schleswig-hosteinischen Geest, einer Landschaft, die von den beiden letzten Eiszeiten geprägt ist. Die Marschbauern westlich und die entfernteren Bauern auf dem östlichen Hügelland haben die eindeutig besseren Böden. Die Flurbereinigung in den 60-er Jahren sollte durch Infrastrukturmaßnahmen eine Verbesserung für die Landwirte bringen. Gleichzeitig setzte sie den Prozess der Vergrößerung der Betriebe in Gang. Das ging natürlich nur auf Kosten der kleinen Höfe, die bestenfalls als Nebenerwerbsbetriebe weiter existieren konnten. Auf Dauer überlebten aber nur einige wenige Großbauern. Dieser Strukturwandel bildet den Hintergrund einer grandiosen Familiengeschichte.

 

„De Welt geiht ünner.“, ist der erste plattdeutsche Satz des Buches, gesprochen von der „verdreihten“ oder „halfbackten“ Marrett Feddersen, die im Dorf neben „Marrett Kröger“ den Spitznamen „Maren Ünnergang“ trägt. Der Satz kann durchaus programmatisch aufgefasst werden: Das Brinkebüll der 50er Jahre, wie es sich zur Zeit der Kindheit von Maren darstellt, ist dem Untergang geweiht. Wie man nicht zulezt an der Geschichte von Maren sieht, wird diese Zeit im Roman aber nicht zum Idyll verklärt. “Na, Marett, geiht de Welt mol wedder ünner?“, wird sie von den Dorfbewohnern, den „Dörpsminschen“, liebevoll spöttisch gefragt, wenn irgendein Vorfall sie in Aufregung versetzt hat. Als sie mit 17 schwanger wird, sagt sie: “Dor is wat und dat geiht nich weg. Dat geiht nicht weg!“. Ihr Versuch es weg zu kriegen, endet mit gebrochenen Füßen. Und als Ingwer geboren wird, ist sie nicht in der Lage die Mutterrolle zu übernehmen. So werden Ella und Sönke Feddersen, ihre Eltern, auch „Mudder un Vadder“ von Ingwer.

 

Ingwer Feddersen, promovierter Dozent und Grabungsleiter am Institut für Ur- und Frühgeschichte der Uni Kiel wird neben Marret zum Hauptprotagonisten des Romans. Er hat nach Auffassung von Sönke Feddersen, dem „Kröger“, „de Näs in de Böker“ anstatt etwas Richtiges zu tun, nämlich die Gastwirtschaft von Sönke und Ella weiter zu führen. Sönke hat nicht verhindern können, dass Ingwer aufs Gymnasium kam. „Hä! Op de hoge School!“, war sein abfälliger Kommentar. Lehrer Steensen sorgt dafür und warum er das tut, das sollte der Leser selbst herausfinden. Die Beschreibung dieses Dorfschullehrers mit seiner schwarzen Pädagogik im Verlauf des Romans ist ein Lesevergnügen für sich. Ingwer nimmt ein Sabbatjahr um Ella, inzwischen dement, und den über 90-jährigen Sönke zu pflegen.

 

Der Roman enthält 22 Kapitel, die jeweils mit einer Liedzeile überschrieben sind – er habe zu jeder Lebenslage einen Schlagertext im Kopf, wird über Ingwer einmal gesagt. Die Geschichte spielt im Wesentlichen in zwei Zeitebenen: Der Jetztzeit und der Zeit während und nach der Flurbereinigeung Ende der 60er Jahre. Hinzu kommen jeweils Rückblenden. Der Titel „Mittagsstunde“ war mir zunächst rätselhaft, wurde mir aber im Laufe der Lektüre immer klarer. Die Mittagsstunde ist ein festes Ritual im Dorfleben und wird wie vieles andere auch mit der Zeit verschwinden. „Wenn es etwas gab, was den Menschen heilig war, dann war es ihre Mittagsstunde.“ In der Mittagsstunde lag das Dorf im Koma, aber sie war auch eine Zeit der Heimlichkeiten, wo man z.B. unbeobachtet zum Liebhaber durch die Hintertür schleichen konnte. „Gau mol um to Krog´s“, das machten die Männer im Dorf nicht mehr. „Die Leute hatten sich das abgewöhnt wie ihre Mittagsstunde.“ , heißt es am Ende. Ich denke, der Titel deutet an, dass der Autorin die Beschreibung des Dorflebens zumindest genauso wichtig ist wie die Familiengeschichte, die auch in der Mittagsstunde ein vorläufiges Ende findet. Das alte Dorfleben ist verschwunden wie auch Marret in einer Mittagsstunde verschwindet und nicht wieder auftaucht.

 

Ich bin in einem Geestdorf ca. 20 – 30 km westlich von „Brinkebüll“ aufgewachsen und der Wiedererkennungswert ist beachtlich. Die Geschichte hätte genauso in „meinem“ Dorf, das es so auch schon lange nicht mehr gibt, spielen können. Die eingestreuten plattdeutschen Sätze kann ich „hören“; sie geben das Plattdeutsch dieser Gegend absolut richtig wieder. Ebenso kenne ich die Sitte oder Unsitte gut, dass den Dorfleuten Spitznamen verpasst wurden. So gab es bei uns z.B. „Hans Kohschiet“, „Hans Minna“ und „de wilde Paul“ und jeder wusste, warum sie so genannt wurden. Meine Grundschullehrerin wurde übrigens „Mudder Luer“ genannt, weil sie alles beobachtete. Ebenso wie das „7-Monatskind“ Marret gab es in unserem Dorf zwei Kinder, die während bzw. kurz nach dem Krieg gezeugt worden waren. Jeder wusste, dass zu der Zeit die Ehemänner nicht zuhause waren, wohl aber, dass auf den Höfen Kriegsgefangene einquartiert waren. Auch einen geistig zurückgebliebenen Peter gab es, der überall im Dorf freundlich aufgenommen wurde, wenn er auf seinem Fahrrad vorbei kam. Er war mit drei Jahren die Kellertreppe heruntergefallen und niemand kam auf die Idee ihn in eine Sonderschule oder in ein Heim zu stecken.

 

Zusammenfassend kann man sagen: Dieser Roman ist sehr lesenswert. Die Familiengeschichte ist universell, wird aber durch das Plattdeutsche im Text in Nordfriesland geerdet. Die Personen, die um die Familie herum agieren, sind zum Teil satirisch überzeichnet. Das zu lesen, macht viel Spaß.

Übrigens heißen die skurrilen Leute in Bollerup, einem fiktiven Ort auf Alsen, die Siegfried Lenz in seiner Geschichtensammlung „Geist der Mirabelle“ beschreibt, alle Feddersen. Ich glaube nicht, dass das Zufall ist.

 

 

 

(Mein Versuch mein Dorf auf plattdeutsch zu beschreiben, kann man hier nachlesen: https://www.hansens-platt.de/kurz-erz%C3%A4hlt/mien-d%C3%B6rpstraat/ )