MIN PORT 

 

 

Das Gedicht "Min Port" von Klaus Groth kann man über das Gutenbergprojekt aufrufen:

http://gutenberg.spiegel.de/buch/klaus-groth-gedichte-4806/21

 

 Man kann es sich auch anhören. Es spricht Ulf Bichel. Gehe dazu auf diese Seite,

dort ganz unten. Dort findet sich auch ein Foto von Klaus Groth "achter sien Port".

Noch besser finde ich übrigens das Gedicht gesprochen von Reimer Bull auf seiner CD "Op Visiten bi Klaus Groth".

 

 

 

Interpretation des Gedichts „Min Port“ von Klaus Groth

 

Das Gedicht „Min Port“ ist zusammen mit dem Gedicht „Klockenlüden“ erstmals in der 14. Auflage des Quickborn unter der Rubrik „Ut den Swanenweg“ erschienen. Dieser Interpretation liegt die Ausgabe von Ulf Bichel1 zugrunde. In den Anmerkungen zu diesem Gedicht heißt es dort: „Anlaß zur Entstehung von Min Port war, daß Groths ältester Sohn, Albert, das Haus verließ, um in Hamburg eine Kaufmannslehre anzutreten.“2 Groth hat es im Alter von 63 Jahren nach mehrjähriger Schaffenspause 1882 verfasst.

 

Min Port meint die Pforte des Grothschen Grundstückes zum Schwanenweg. Man kann ein Foto von Groth hinter seiner Pforte im Internet finden3. Diese Pforte ist das Tor zur Außenwelt, das zugleich vor dieser Außenwelt schützt. Das deutlich autobiographische Gedicht beschreibt zunächst wie der Autor das Leben mit seiner Frau und den Kindern hinter der Pforte als glücklich empfindet. In den beiden folgenden Abschnitten wird die Trauer über den Tod der Ehefrau und das Gefühl der Einsamkeit nach Auszug des Sohnes deutlich. Der letzte Teil ist der Einsamkeit und dem eigenen Tod gewidmet.

 

 

Die vier unterschiedlich langen Abschnitte des Gedichts sind in ungewöhnlicher Weise durch drei Sternchen unterteilt. Nur der letzte Abschnitt enthält zwei Strophen, die durch einen Absatz getrennt sind. Die Länge der Abschnitte kann einen Hinweis auf die Gewichtung der Lebensabschnitte bzw. der Ereignisse liefern. So sind die Abschnitte zwei und drei zusammen genauso lang wie der erste Abschnitt, wobei der Abschnitt über die Ehefrau länger ist als der über den Sohn. Der letzte Abschnitt ist kürzer als der erste.

Von den zu besprechenden Ausnahmen abgesehen, hat jeder Vers neun oder zehn Silben mit in der Regel vier Hebungen, meist gefolgt von zwei Senkungen. Dadurch wird ein sehr melodisch klingender Vortrag ermöglicht. Es treten ausschließlich Paarreime mit betonten Endsilben auf, während die erste Silbe überwiegend unbetont bleibt und nur in hervorgehobenen Versen betont wird. Obwohl dem Gedicht keine gewohnte Metrik zugrunde liegt, entsteht der Eindruck von Einfachheit und Geschlossenheit.

 

In den ersten beiden Versen wird die Pforte („de Port“) eingeführt. Der zweite Vers enthält eine lautmalerischen Beschreibung der Pforte, die am Ende des ersten Abschnitts und dann in jedem weiteren Abschnitt wieder aufgenommen wird. Die Bedeutung der Pforte, die auch als Symbol gedeutet werden kann, wird so unterstrichen.

Es wird deutlich, dass aus der Rückschau erzählt wird („is noch dar“ ; „as do“). Zwar sind die ersten beiden Verse im Präsens geschrieben, aber eigentlich beginnt die „Präsenszeit“ nach dem Auszug von Frau und Sohn. Der Rückblick beschreibt zunächst ein glückliches Leben, das durch die viermalige Verwendung des Wortes „Sünnschin“ gekennzeichnet ist. „De Sünnschin“, die Sonne, dringt bis ins Herz. Besonders betont ist die um eine Silbe verlängerte sechste Zeile, die in einer ungewöhnlichen Formulierung die Vertrautheit und die Liebe zu seiner Frau ausdrückt: „So keem en Gesicht, dat ik reep: Dat büst du!“. Klingt hier das im biblischen Sinne gemeinte Erkennen der Frau mit an? Oder ist es nur der freudige Ausruf, wenn die vertraute Ehefrau zur Tür hereinkommt?

Die letzten vier Verse des ersten Abschnitts zeigen das Haus als Schutz- und Rückzugsraum für sich und die Besucher. Auch wenn die äußeren Bedingungen einmal schlecht sind, werden die Besucher freudig empfangen.

 

 

Der zweite Abschnitt, der den Tod der Frau beschreibt, ist durch vier zehnsilbige Verse in Folge herausgehoben. Der Tod tritt nicht plötzlich ein, sondern - „allmählich keem't“- ihm geht wohl eine längere Krankheit voraus. Das „allmählich“ sticht durch den Strophenanfang und die Hebung auf der ersten Silbe hervor. Vielleicht ist es kein Zufall, das es ein hochdeutsches Wort ist, denn mit seiner Frau hat er wohl hochdeutsch gesprochen. Die Begriffe „Tod“ und „Krankheit“ fallen nicht, sondern es wird nur vom Weggehen durch die Pforte gesprochen. Auch wenn sich das Leben wieder normalisiert, bleibt die Trauer: „de Sünnschin kumt mi nich wedder int Hart.“

 

Im dritten Abschnitt verlässt der Sohn das Haus. Formal wird der Sohn wie vorher die Frau durch die Betonung der ersten Silbe herausgehoben: „Hoch weer he wussen hier achter de Port.“ Das geschieht aber nicht zu Beginn der Strophe, sondern erst im zweiten Vers. Wie die kürzere Länge der Strophe, kann dies als Gewichtung verstanden werden. Herausgehoben ist auch der Abschied durch Wiederholung des „Ade“ und die Aufspaltung des Verses in zwei Zeilen. Der Vater bleibt zurück mit dem Gefühl der Einsamkeit.

 

Das Einsamkeitsgefühl verstärkt sich im letzten Abschnitt. Diese zunehmende Einsamkeit zeigt sich durch die immer seltener zu hörende Pforte: „So ward se still und stiller, min Port“. Die geliebten Personen verlassen nun ohne Rückkehr das Haus, während sie zu Beginn – in der dritten Zeile – noch ein- und ausgingen. Zudem gibt es immer weniger wirkliche Freunde, die ihn besuchen. Die vielen Bekannten, die noch kommen, scheinen eher lästig. Diese Feststellung wird durch einen um zwei Silben verlängerten Vers ausgedrückt: „Bekannte to vęl, jümmer weniger Frünn“. Im letzten Vers vor dem Absatz ist dann schon der Blick in die Zukunft gerichtet: „un endlich bliv ik alleen hier binn“ und verweist so auf die letzte Strophe, in der der eigene Tod thematisiert wird.

 

Formal sind die Beschreibung der Einsamkeit und der Ausblick auf den Tod nun nicht mehr durch Sterne getrennt, sondern nur durch einen Absatz: Die Einsamkeit legt den Gedanken an den Tod nahe. Nach dem Tod wird das Haus von anderen bewohnt werden. Hier taucht wieder in einer verlängerten Verszeile der Ausruf „Dat büst du!“ auf: das Erkennen der Frau, wenn die Pforte zu hören ist; sowohl eine Erinnerung an die glückliche Zeit mit seiner eigenen Frau als auch die Erkenntnis, dass in der nächsten Generation jemand anderes hier glücklich sein wird.

 

 

In diesem Gedicht zeigt Klaus Groth noch einmal sein großes Können und es bildet zu Recht den Abschluss des „Quickborn. Lohnenswert wäre sicher ein Vergleich mit seinem berühmten Gedicht „Min Jehann“, in dem er - etwa dreißig Jahre vorher – den Verlust der Kindheit und seine Einsamkeit (seine Depression?) thematisiert hat. Es gehört deutlich einer anderen literarischen Epoche an.

 

Eine Bemerkung zum Schluss: Beim ersten Lesen hatte ich den Eindruck, dass das Gedicht kurz vor dem Tod entstanden ist. Der Autor war aber erst 63 Jahre alt und damit jünger als ich selbst und er hat ja dann noch 17 Jahre dort -achter de Port- gelebt.

 

November 2014

 

 

1Klaus Groth Quickborn. Herausgegeben von Ulf Bichel; Boyens, 2004

2Klaus Groth Quickborn. Herausgegeben von Ulf Bichel; Boyens, 2004; S.382

3Eine Seite der Uni Kiel zum Kieler Wohnhaus von Klaus Groth (ganz unten auf der Seite: Min Port)

 

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