Über „Mottche Spinkus un de Pelz“ von John Brinckman



Während einer Internetrecherche zu John Brinkman hat mich ein Zitat neugierig gemacht, das sich auf „Mottche Spinkus un de Pelz“ bezieht: "das kunstvollste Stück Prosa, das jemals in plattdeutsch geschrieben wurde". Es handelt sich dabei um eine Novelle, die im jüdischen Milieu einer mecklenburgischen Kleinstadt spielt. Sie kann über das Gutenberg-Projekt aufgerufen werden:


http://gutenberg.spiegel.de/buch/mottche-spinkus-un-de-pelz-2694/1.


Da mir das Mecklenburger Platt nicht so geläufig ist, habe ich mir die Hörbuch-CD von Wolfgang Rieck besorgt:


http://www.wolfgang-rieck.de/de/cdsdvds/ansichten&disc=hoerbuch_mottche_spinkus_un_de_pelz


Als ich die CD auspackte, erschrak ich. Auf dem Cover ist ein alter Jude in abgerissener Kleidung dargestellt, der einen Pelzmantel unter dem Arm trägt. Das Bild bedient die Klischees aus unseligen Zeiten: ein alter Jude mit verschlagenem Gesicht, übergroßer Nase und Schläfenlocken.


Sofort stellt sich die Frage: Handelt es sich bei dieser Novelle etwa um ein antisemitisches Stück Literatur? Nun wird man gottseidank beruhigt, wenn man in dem der CD beigelegten Booklet den Text von Jürgen Borchert liest. Dabei handelt es sich um eine lesenswerte Rede, die Borchert 1992 vor der Brinckman Gesellschaft gehalten hat. Es lohnt diese Rede vor der Lektüre zu lesen.


Hilfreich ist auch der folgende Beitrag: Peter Bürger hat sich bei Heise-Online Gedanken zum Antisemitismus in der niederdeutschen Literatur gemacht. In dem Text mit dem Titel "Uns’re Lait werden dann Schossehstein klöppern" kommt er im dritten Abschnitt (http://www.heise.de/tp/artikel/36/36595/3.html) zu dem Urteil, dass es Brinckman gelinge, trotz aller aufgeführten Klischees, die Juden mit „warmherziger Sympathie“ zu schildern. Einer der Hauptgründe dafür sei, dass er die Juden als Religionsgemeinschaft und nicht als besondere Rasse schildere. Es wird nahe gelegt, dass es in christlichen Gemeinden keineswegs besser zugehe.


Zwar beschreibt Brinckman hier mit feinem Spott die jüdischen Gottesdienstbesucher, aber so wie ein guter jüdischer Witz nicht antisemitisch ist, ist es auch diese Novelle nicht. Zwar kann man „de leiwen ollen Juden in Nebelow“ , mit denen die Erzählung beginnt als ironische Kennzeichnung auffassen, aber spätestens da, wo er sagt: „un de Juden un ehren Ritus hier slicht maken tau wœlen, dat ded ick jo nich, un wenn Amschel Rothschild mi half afgäwen wull, wat hei ok säker nich deit un ok nich mihr daun kann, wull hei ok, wil hei jo woll all lang in Abrahamen sinen Schaut sitt.“, bezieht Brinckman eine klare Position. Um keinen noch so hohen Preis wolle er die Juden und ihren Ritus schlecht machen. Einen macht er aber doch schlecht und das ist Jakob Knotenheimer, den er als betrügerischen Juden schildert, aber der kommt nicht in die Synagoge.


Wie verhält es sich nun mit der Aussage, es handele sich bei dieser Novelle um das kunstvollste Stück Prosa, das jemals in plattdeutsch geschrieben wurde? Das kann ich nicht beurteilen, da ich viel zu wenig von der plattdeutschen Literatur kenne, einmal abgesehen davon, dass Superlative eher in die Tourismuswerbung als in die Literaturkritik gehören. Aber ich kann folgendes sagen: Zunächst fällt sofort die unglaubliche Sprachmischung aus Plattdeutsch, Hochdeutsch, Jiddisch und Hebräisch auf: eine Art Supermissingsch. Bemerkenswert ist auch die plastische Beschreibung der alten Synagoge samt ihren Gemeindemitgliedern. Um wieviel blutleerer wirkt da im Vergleich Reuters Gedicht „En Schmuh“, das die gleiche Geschichte zum Inhalt hat. Und drittens, und das ist sicher für ein Urteil nicht unwesentlich, durchzieht eine feine Ironie die ganze Geschichte, die ihre Protagonisten nicht denunziert, sondern durchaus mit Empathie verspottet im Gegensatz zu Reuters Gedicht, das es nicht schafft, den Ressentiments und Vorurteilen gegenüber den Juden etwas entgegen zu setzen. Nicht zuletzt ist es aber der virtuose Umgang mit dem Plattdeutschen, das ja bekanntlich Schwierigkeiten mit nachgeordneten Nebensätzen hat, das diesen Text zu etwas Besonderem macht. Brinckmann schafft es mühelos, Sätze zu formulieren, die sich über eine Vielzahl von Zeilen hinziehen, ohne das es falsch oder künstlich klingt.


Zum Schluss möchte ich Peter Bürger (s.o) zitieren: „Durch Brinckmans Werk Mottche Spinkus un de Pelz kann man vorzüglich lernen, dass die Verwendung bestimmter Stereotypen und Klischees oder der Einsatz sprachlicher Übertreibungen auch in Texten vorkommen können, deren Zielrichtung ganz und gar nicht judenfeindlich ist.“

Mein Fazit: Ein starkes Stück Literatur und  unbedingt lesenswert. Meine Empfehlung: Es ist eine große Hilfe, den Text mitzulesen, wenn Wolfgang Rieck vorliest.


Januar 2015