Plattdeutsch in Uwe Johnsons „Jahrestage“

 

Um einen Überblick über den Inhalt des Romans zu erhalten bietet sich der Wikipedia-Artikel zum Roman an. Die unterstrichenen Texte sind Links zu anderen Seiten.

 

 

Plattdeutsche Einsprengsel in hochdeutschen Texten kommen in der Literatur häufiger vor. Ich habe dazu auf diesen Seiten über Tucholskis „Schloss Gripsholm“ geschrieben. Hier möchte ich über das Plattdeutsche im ersten Band der Jahrestagvon Uwe Johnson sprechen. Vorbilder für die Verwendung des Plattdeutschen in hochdeutschen Romanen waren für Johnson u.a. Wilhelm Raabe und Thomas Mann. Dabei spielt die Ironie eine große Rolle.

 

Ein berühmtes Beispiel ist die Revolutionsszene in Thomas Manns „Buddenbrooks“, wenn auch ein sehr problematisches. Ich denke, es war für Johnson inhaltlich eher ein Negativbeispiel. Der alte Buddenbrook kann sich zwar auf Platt mit den Arbeitern verständigen, aber es wird deutlich, dass bei Thomas Mann plattdeutsch die Sprache der Unterschicht ist. Die 1848 vor dem Lübecker Rathaus demonstrierenden Leute und auch ihr Anführer werden als aufgehetzte Mitläufer dargestellt, die eigentlich nicht wissen, worum es geht.

Bei Wikipedia heißt es : „Die Revolution 1848 nimmt in Lübeck einen sehr glimpflichen Verlauf, der mit einiger Ironie geschildert wird, nicht zuletzt durch das beherzte Eingreifen Jean Buddenbrooks.“ Zwar wird die ironische Distanzierung durch die plattdeutschen Dialoge hergestellt, aber sie geht ausschließlich auf Kosten der Demonstranten. Hier erweist sich Thomas Manns Haltung als eindeutig konservativ, wenn nicht als reaktionär. Er macht sich auf Kosten der Arbeiter lustig und erwähnt mit keinem Wort worum es 1948 wirklich ging. Die Proletarier sind für Thomas Mann keine Alternative zum Bürgertum, auch wenn er dessen Niedergang beschreibt.

 

Auch Johnson verwendet das Plattdeutsche um einen ironischen Ton zu erzeugen, aber seine politische Haltung ist eine völlig andere und die Klärung politischer Zusammenhänge ein wichtiger Teil des Romans. Die Plattsprecher werden niemals wegen ihrer Sprache für dumm verkauft. Wenn es um die Nazis Horst Papenbrock oder Ossi Rahn geht, dann wird nur auf hochdeutsch erzählt und es werden auch keine plattdeutschen Redewendunge eingestreut: auf die plattdeutsche Tradition in Mecklenburg können die Nazis sich bei Johnson nicht berufen. Aber man kann auch ihnen durch Ironie beikommen, auf Platt:

 

Und als Cresspahl in Jerichow ankam, wer war da ernannt zum Kommandeur der politischen Polizei....?

 

Heinrich Himmler

Künnstu nich åhnn.

Ne.

 

Neben den beiden Hauptsträngen des Romans, die die Familiengeschichte erzählen, spielen die Nachrichten der New York Times eine wichtige Rolle. Auch hier kann das Plattdeutsche zur ironischen Kommentierung dienen wie ein Nixon-Zitat zum Vietnamkrieg zeigt:

 

»Der Krieg in Asien ist ein Krieg beschränkter Art mit beschränkten Mitteln und beschränkten Zielen«: hett he secht.

 

Johnson verwendet das Plattdeutsche neben der Ironisierung in vielfältiger Weise. Dazu seien die nun folgenden Beispiele aufgeführt.

Die Hauptperson Gesine Cresspahl, die ihrer Tochter Marie die Familiengeschichte erzählt, hat in ihrer Kindheit noch viele plattdeutsche Redensarten aufgeschnappt. Diese Redewendungen und Sprichwörter werden immer wieder in den Text montiert und stellen oft eine Verbindung her zwischen dem New York, in dem Gesine 1967/68 lebt, und ihrer mecklenburgeischen Heimat, ja sie machen die Heimat zu einem wesentlichen Teil aus. Die Nazis dürfen den Heimatbegriff nicht für sich okkupieren.

 

Am Ende der ersten Seite des Romans, an einem Strand in New Jersey, wird zum ersten mal der Name Mrs. Cresspahl genannt:

 

Die Leute im Nachbarhaus... mögen auch sie für eine Katholikin irischer Abstammung ansehen.

 

Ge-sine Cress-pål

ick peer di dine Hacken dål

 

Da vorher schon die Ostsee erwähnt wurde, weiß man nach diesem Einschub, woher Gesine wirklich stammt, und wer das Platt noch nicht als mecklenburgisch erkannt hat, wird am Ende des nächsten Absatzes aufgeklärt. Der Bezug zur Heimat kann nicht prägnanter hergestellt werden und es wird klar: die Heimat Gesines ist untrennbar mit dem Plattdeutschen verbunden. Zum ersten Mal wird der Leser so mit der Montagetechnik Johnsons konfrontiert.

Ein Beispiel für die Verwendung von plattdeutschen Redewendungen, die Gesine aus ihrer Kindheit kennt, findet sich da, wo Marie der Mutter vorwirft, sich nicht an Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg beteiligt zu haben. Gegen Ende des Kapitels sagt Gesine:

 

Zugegeben ich war vertrauensselig. Öwe dat´s‘n Fele, de sick gift.

Dat sä Edith ok.

Dor kreech se dat fiewte Kint.

 

und das ist echter norddeutscher Humor wie er sich in zahllosen Sprüchen manifestiert hat.

 

Zu den Protagonisten, die plattdeutsch sprechen, gehören der sozialdemokratisch denkende Heinrich Cresspahl, der Vater von Gesine, der alte Papenbrock, der reichste Mann in Jerichow und Deutschnationaler und der Wirt Peter Wulff, auch ein alter Sozialdemokrat. Sie sind offenbar aus dem Holz geschnitzt, das das alte Mecklenburg ausgemacht hat und verkörpern die Heimat Gesines, die ein Teil ihrer Identität ist.

Wenn ihr Vater Heinrich mit Papenbrock über die Bedingungen einer Grundstücksüberschreibung verhandelt, dann kommt die ruhige überlegte Art des Mecklenburgers zum Vorschein: „Dor hefft wi nicks von: sagte Cresspahl...“ oder wenn es um die Erhaltung der Gebäude geht: „So wo dat hängt un krüppt, dat kann de Wint.“ (Kommentar, 308, 12f) und zum Schluss „Denn reden wi von min Gelt.“ Das Plattdeutsche dient hier wesentlich zur Charakterisierung von Cresspahl.

 

Als ein weiteres Beispiel möge die Szene dienen, in der der Wirt Wulf sich über die Kommunisten aufregt:

 

Die Ortsgruppe der K.P.D. In Krakow am See hatte sich aus freien Stücken aufgelöst....

mit der Versicherung „Wir haben es satt!“ - Wir haben es satt! Sagte Peter Wulf nebenbei, auf Hochdeutsch und als mache er einen Hochdeutschen nach. - Dor hett een Uhl sätn! Sagte er...

 

Dieses Beispiel zeigt wie das vorherige, dass Johnson uns Lesern etwas zumutet: Die Bedeutung der Redensart wird nicht erläutert. Da ist man dann auf den Kommentar (295,24) angewiesen.

 

Nun sei noch ein Zitat angefügt, dass etwas über das Verhältnis der Muttersprache Plattdeutsch zum Englischen der ebenfalls in New York lebenden Frau Erichsen aussagt,

 

...sorgte sie sich ein wenig wegen der Lüge, die sie der ehrenwerten Polizei des Staates New York ins Telefon zu sagen plante, denn auf Englisch fällt es ihr nicht so natürlich wie auf Plattdeutsch, und wir fragen sie nicht nach ihren allfälligen Erinnerungen an den Frühsommer des Jahres 1933.

 

Darüber hinaus sieht man wie Johnson mühelos in einem Satz die beiden Handlungsstränge miteinander verknüpft und es ist ein gutes Beispiel für die Erzähltechnik des Andeutens und Vorwegnehmens. Sie wird besonders deutlich bei der „Regentonnengeschichte“, auf die im ersten Band nur angespielt wird. Dabei werden - ohne Ironie und Humor - plattdeutsche Sätze nahezu unvermittelt in den Text eingeschoben:

 

Holl din Muul Gesine, holl din Muul

oder

 Lisbeth ick schlå di dot.

 

 

Zusammengefasst lässt sich sagen: Wer sich auf diesen Roman einlässt, wird wunderbare Geschichten erzählt bekommen und wird ohne Tümelei bekannt gemacht mit der mecklenburgischen Heimat des Autors Johnson – nicht zuletzt vermittelt durch die plattdeutschen Textstellen.

 

Links:

https://de.wikipedia.org/wiki/Jahrestage_(Roman)

Johnsons »Jahrestage« Der Kommentar

Kleines Adressbuch für Jerichow und New York

Barbara Scheuermann: Zur Funktion des Niederdeutschen im Werk Uwe Johnsons

 

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