Zum Plattdeutsch in Tucholskis „Schloss Gripsholm“

 

"Schloss Gripsholm" ist im Gutenberg-Projekt zugänglich.

 

Schloss Gripsholm, im Wikipedia-Artikel als heiter melancholische Liebesgeschichte bezeichnet, ist auch eine Liebeserklärung an die plattdeutsche Sprache und an ihr uneheliches Kind, das Missingsch. In dem Artikel ist von „plattdeutschen Einsprengseln“ die Rede. Das ist sicher eine richtige Formulierung, wird dem Sachverhalt aber nicht ganz gerecht, denn es wird nicht nur plattdeutsch oder missingsch geredet, sondern auch viel über Plattdeutsch gesprochen. Zwei der fünf Kapitel haben als Motto einen plattdeutschen Spruch und der Roman schließt mit einem bekannten plattdeutschen Trinkspruch und seiner Geschichte. Das Plattdeutsche durchzieht das ganze Buch.

 

Tucholskis Geschichte hat kaum angefangen – nach dem wunderbaren, fiktiven Briefwechsel mit dem Verleger – da lesen wir, wie die Prinzessin ihn auf Platt begrüßt. Die darauf folgende Definition des Missingsch ist inzwischen klassisch: „Missingsch ist das, was herauskommt, wenn ein Plattdeutscher hochdeutsch sprechen will. Er krabbelt auf der glatt gebohnerten Treppe der deutschen Grammatik empor und rutscht alle Nase lang wieder in sein geliebtes Platt zurück.“

 

Die Prinzessin bezeichnet ihn im Laufe der Erzählung als „olln Döskop“ , „Schabülkenkopp“ und als „oll Krittelkopp“ oder als „einen weltbefohrnen dschungen Mann -!“ und sagt Sätze wie „Heww di man nich so!“ oder „Du büschan ganz mongkanten Mann“. Als sie mit dem Zug nach Warnemünde fahren, erzählt die Prinzessin fast eine Seite lang auf missingsch über ihre Heimat.

Später, schon in Schweden angekommen, lesen wir Redewendungen wie „He lacht sik 'n Stremel“ und „Dor kannst du man upp aff!“ oder eine ganze Geschichte: „Ein Jung sall mal nan Koopmann gahn un Seip un Solt halen..., ... un köffte Tran un Teer“.

 

Es kommt auch vor, dass der Erzähler platt spricht: „Hol din Mul“, entgegnet er auf eine spöttische Bemerkung der Prinzessin und die vernehmen wir wenig später im schönsten missingsch: „Schetzt kommst du mich aber raus. Nichs as Dummheiten hat diesen Kierl innen sein Kopf un das will 'n iernsten Mann sein!“

 

Als im dritten Kapitel der Freund Karl zu Besuch kommt, unterhält sich die Prinzessin mit ihm auf Platt. Das wird aber nicht ausgeführt. Auf Platt finden wir nur die Frage: „Verstahn Sei Plattdüütsch?“ Und jetzt soll nach und nach ein längerer Abschnitt zitiert werden. Wir lesen vom leider nicht begangenen Weg der deutschen Sprache und den schönsten Liebesgedichten. Das ist der Kern der Liebeserklärung an die plattdeutsche Sprache, von der eingangs die Rede ist:

 

Die zwei sprachen sich in ihren Dialekten über ihre Heimat aus. Sie sagten, wo man das r aussprechen müsse und wo nicht; sie ergänzten ihre Schimpfwörterverzeichnisse; sie wußten beide, was das ist: niederdeutsch. Es ist jener Weg, den die deutsche Sprache leider nicht gegangen ist, wieviel kraftvoller ist da alles, wieviel bildhafter, einfacher, klarer – und die schönsten Liebesgedichte, die der Deutsche hat, stehen auf diesen Blättern. Und die Menschen... was es da im alten Niederdeutschland, besonders an der Ostsee, für Häuser gegeben hat, eine Traumwelt von Absonderlichkeit, Güte und Musik, eine Käfersammlung von Leuten, die alle nur einmal vorkommen... „

 

Leider wird nicht gesagt, um welche Liebesgedichte es sich handelt, aber „Dat du min Leevsten büst“ gehört sicher dazu, auch wenn es ein Volkslied ist.  (http://de.wikipedia.org/wiki/Dat_du_min_Leevsten_büst)

 

 

 

Aber nun kommen wir zu den Heimatdichtern, die sich als Kleinbürger entpuppen:

 

Vieles davon ist nun in die Hände dummer Heimatdichter gefallen, die der Teufel holen möge – scheinbar gutmütige Bürger, unter deren rauchgeschwängerten Bärten der Grog dampft und die die kraftvolle Männlichkeit ihrer alten Sprache in einen fatalen Brei von Gemütlichkeit umgelogen haben –: Oberförster des Meeres. Manche haben sich den Bart abrasieren lassen und glauben nun, wie alte Holzschnitte auszusehen – aber es hilft ihnen nichts; kein Wald rauscht ihnen, kein Meer rauscht ihnen, ihnen rauscht der Bart. Ihre Gutmütigkeit verschwindet im Augenblick, wo sie etwas verwirrt in die neue Zeit starren und auf den politischen Gegner stoßen; dann krabbelt aus ihnen ans Licht, was in ihnen ist: der Kleinbürger. Unter ihren Netzhemden schlägt ein Herz, im Parademarsch.“

 

Und jetzt wird dagegen gehalten:

 

Das ist nicht unser Plattdeutsch, das nicht.

Niederdeutschland aber geht nicht ein – es lebt und wird ewig leben, solange dieses Land steht. ... Doch der Niederdeutsche ist anders. Seine Worte setzt er bedächtig, und sie sind gut. Und darüber sprachen die beiden. Und ich wußte: das Beste an der Prinzessin stammte aus diesem Boden. Und ich liebte in ihr einen Teil dieses Landes, das einem so sehr schwer macht, es zu lieben.“

 

Gut beobachtet ist das folgende, das immer noch so ist, wenn zwei Plattdeutsche aus verschiedenen Regionen aufeinander treffen:

 

Die beiden aber schnackten unentwegt. Jeder pries sein Plattdeutsch als das allein wahre und schöne, das des andern wäre ganz falsch.“

 

Dieser Disput wird ein wenig später fortgesetzt, wenn es um Predigten auf plattdeutsch geht.

 

Als die drei gemeinsam einen Brief verfassen, kriegt der Erzähler von der Prinzessin das zu hören: „Unmöglich! Dat is ja Kinnerkram is dat ja!“ ; „Du bischa so klug.“ „Du schast ock mit na Pudel sin Hochtid!“

 

Im vierten Kapitel kommt die Freundin der Prinzessin zu Besuch. Da geht es dann überwiegend hochdeutsch zu, aber selbst hier bricht das Missingsch immer mal wieder durch, z.B. wenn sich die Freundinnen über einen abgelegten Mann unterhalten: „Wenn einen nichts taugt, denn sollen sofordsten von ihm aff gehen.“ Hier wie auch im fünften Kapitel sind das Plattdeutsch und Missingsch tatsächlich nur Einsprengsel. Und dann kommt der Schluss mit dem Trinkspruch: „Martje Flor!“ (von mir im Zitat hervorgehoben).

 

Tucholski erzählt nach - und damit endet die Geschichte - was bei Storm in der Novelle „Eine Halligfahrt“, in der Ballade von Detlev von Liliencron „Martje Flors Trinkspruch“ und auf plattdeutsch bei Klaus Groth mit dem Titel „Martje Flor“, ebenfalls als Ballade, zu finden ist:

 

"Martje Flor", sagte ich. "Martje Flor!"

Das war jene friesische Bauerntochter gewesen, die im Dreißigjährigen Kriege von den Landsknechten an den Tisch gezerrt wurde; sie hatten alles ausgeräubert, den Weinkeller und die Räucherkammer, die Obstbretter und den Wäscheschrank, und der Bauer stand daneben und rang die Hände. Roh hatten sie das Mädchen herbeigeholt – he! da stand sie, trotzig und gar nicht verängstigt. Sie sollte einen Trinkspruch ausbringen! Und warfen dem Bauern eine Flasche an den Kopf und drückten ihr ein volles Glas in die Hand.

Da hob Martje Flor Stimme und Glas, und es wurde ganz still in dem kleinen Zimmer, als sie ihre Worte sagte, und alle Niederdeutschen kennen sie.

»Up dat et uns wohl goh up unsre ohlen Dage –!« sagte sie.