Zu „Kasper Ohm un ick“ von John Brinckman

 

 

Auf diesen Seiten habe ich schon über John Brinckmans „Mottche Spinkus un de Pelz“ geschrieben und auf die sprachliche Virtuosität Brinkmans hingewiesen. Während dieses Prosastück erst lange nach dem Tod des Autors aus dem Nachlass veröffentlicht wurde, war „Kasper Ohm un ick“ schon zu Lebzeiten von Brinckman populär und glänzt ebenfalls durch seine sprachliche Vielfalt. Der plattdeutsche Text enthält in den Dialogen neben dem Mecklenburger Platt und  dem Missingsch der Frau von Kasper Ohm, dem Sächsisch von Professor Knallerballer Ausdrücke aus dem Englischen, Französischen, Niederländischen und Schwedischen - meist auf kuriose Weise verballhornt - , so dass der Text ohne Anmerkungen nur schwer verständlich ist. Hinzu kommen zahlreiche seemännische Begriffe aus der Zeit der Segelschifffahrt, die heute kaum noch bekannt sind, die von Andrees auch gerne zur Personenbeschreibung herangezogen werden und unter anderem den feinen Humor Brinckmans durchscheinen lassen. Ich besitze eine Ausgabe von 1986 des Verlags Margarete Block, in der ausführliche Fußnoten - das zunächst mühsame -  Lesen erleichtern. Aber die Mühe lohnt sich und als Beleg sei ein Zitat von Klaus Groth angeführt:

 

 „ John Brinckman (...), sein „Kasper-Ohm un ick“ ist ein Roman von einer Vollendung, daß man prophezeien darf: man wird ihn lesen, so lange man Plattdeutsch liest, und die Zahl seiner Freunde und Verehrer wird wachsen mit den Jahren.“ (Klaus Groth, Sammelrezension in ‚Die Gegenwart‘ 1876, Jg. 5, Bd. 10, Nr. 45)

 

„Kasper Ohm un ick“ ist als Episodenroman angelegt. Der eigentliche Erzähler Hans lässt in einer Rahmenhandlung, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts spielt, seinen alten Onkel Andrees über dessen Erlebnisse mit Kapitän Pött, der auch Kasper Ohm genannt wird, in einer gemütlichen Runde erzählen. Eine Buddel Schato Dikem (Chateau d'Iquem, ein franz. Weißwein) und eine Pfeife gestopft mit „veritabeln Türkischen“ soll seinen Redefluss begünstigen. In der Rahmenhandlung sehen wir, wie aus dem „infamen Racker“ Andrees ein gestandener, Verantwortung übernehmender junger Mann wird; aber die eigentliche Hauptperson ist natürlich Kasper Ohm und wir lernen einen Seemann kennen, der hauptsächlich Fahrten ins Baltikum bis nach St. Petersburg unternommen hat und der dabei zu einigem Wohlstand gelangt ist und diesen auch gerne vorzeigt, dem das aber nicht reicht und in seiner Angeberei von seinen angeblichen Fahrten auf den Weltmeeren bis Batavia bramabasiert. Die Erzählung setzt etwa um 1801 ein als Andrees etwa zwölf Jahre alt ist und endet mit seiner Hochzeit und wir lernen so nebenbei – natürlich satirisch überspitzt - die Lebensweise der Rostocker Großbürger zu jener Zeit kennen.

 

Die Figur des Käpten Pött ist ähnlich Reuters Onkel Bräsig ein Original mit einer eigenen verschrobenen Sprache, die einen Großteil des Humors in diesem Buch ausmacht. Kräftig Seemannsgarn wird in dem Kapitel „Kasper Ohm in Batavia“ gesponnen und der junge Andrees ist sich nie sicher, ob die Erzählungen über Batavia nicht doch wahr sein könnten. So wie diese Episode sind auch die anderen gut für sich zu lesen,  humorvolle Döntjes, die sich auch einzeln zum Vorlesen eignen. Das konnte besonders gut Gerd Lüpke, von dem es eine CD mit dem Titel „Gah´er mi ut dat Fahrwater!“ gibt, die leider beim Verlag vergriffen, aber im Internet noch aufzustöbern ist. Beim Einlesen in den Text ist diese CD eine gute Hilfe.

 

Wie schon frühzeitig von Klaus Groth prophezeit ist „Kasper Ohm un ick“ zu einem der klassischen plattdeutschen Romane geworden und für mich ist John Brinckmann, der leider schon mit 56 Jahren verstorben ist, der originellste und sprachmächtigste der plattdeutschen Klassiker des 19. Jahrhunderts. Er gehört in jedes plattdeutsche Bücherregal.