Zu „Min Jehann“ von Klaus Groth

 

"Min Jehann" findet man im Gutenberg-Projekt.

 

Dieses ist wohl neben „Lütt Matten de Has“ das berühmteste Gedicht von Klaus Groth und beginnt mit - wie Robert Gernhardt sagen würde – den Hammerzeilen:

 

Ik wull, wi weern noch kleen, Jehann,

Do weer de Welt so groot!“

 

Die beiden Zeilen sind wohl deshalb so einprägsam, weil sie eine Alliteration - das „w“ taucht fünf mal als Wortanfang auf - und den Gegensatz „kleen – groot“ enthalten.

 

Die Verwendung des Wortes „kleen“ hat große Debatten ausgelöst. So ist z.B. untersucht worden, ob Groth dieses Wort auch in seinen Prosaschriften verwendet. Doch dort benutzt er das im Plattdeutschen gebräuchliche „lütt“. Was ist des Rätsels Lösung? Die Familie der Großmutter hieß „Klehn“. Die Vermutung liegt nahe, dass Groth nicht zufällig „kleen“ und „groot“ einander gegenüber gestellt hat. Die Sängerin Ina Müller ersetzt in ihrer Interpretation des Liedes „kleen“ durch „lütt“; auch heißt es bei ihr nicht „Do weer“, sondern „Dor weer“. Liebe Ina, einen solchen Text verändert man nicht, schon gar nicht, wenn man „do = damals“ und „dor = dort“ für das gleiche Wort hält.

 

Zu „Klehn“ un Groth“ habe ich ein kleines Gedicht geschrieben.

 

Mehrfach habe ich im Netz gefunden, da schreibt wohl einer vom anderen ab, dass es wohl ein Geheimnis von Klaus Groth bleibe, warum er einmal „Heben“ und zum anderen das eher hochdeutsche „Himmel“ verwendet. Ja, was denn sonst; nur der Dichter weiß, warum er etwas so und nicht anders hingeschrieben hat. Aber man kann ja eine Deutung zumindest versuchen, die über „er tat es um des Reimes willen“ hinausgeht. Hier ist es so, dass es auf das Wort „hoch“ ankommt. Es gehört zu „Maan“, dem Mond: das sind die einzigen Versendungen, die sich nicht reimen, aber inhaltlich zusammengehören. Diese Figur wiederholt sich übrigens in der nächsten Strophe mit dem Paar „sung“ und „Ton“ . Zu „hoch“ gehört auch für Plattdeutsche der „Himmel“. „Vom Himmel hoch...“, kennt jeder.

Worüber reden die beiden Jungen nun so ausführlich, dass sie währenddessen den Lauf des Mondes verfolgen können, wenn es heißt: „Un snacken, wa de Himmel hoch / Un wa de Sot wull deep.“? Man könnte sagen, sie philosophieren über Gott und die Welt. Der Germanist Wapnewski drückt es in einer schönen Interpretation vornehmer aus: „Die Brüder snacken und stecken die Dimensionen ihrer und unserer Erdexistenz ab: des Himmels Höhe und des Brunnens Tiefe.“1

 

Die zweite Strophe ist Romantik pur. Auch wenn der zweite Vers: „Dar röhr keen Blatt an Bom.“, zumindest in meiner Kindheit, ein geflügeltes Wort war, also auch eine „Hammerzeile“, ist der entscheidende Satz dieser Strophe: „So is dat nu nich mehr, Jehann, / As höchstens noch in Drom.“. Die Realität ist eine andere. Wird er mit ihr nicht fertig?

 

Die dritte Strophe ist nun wegen des Schlussverses “Dat is – ik sta un ween.“ scheinbar einfach zu deuten. Wenn man im Internet nach Interpretationen dieses Gedichts sucht, dann findet man immer wieder Einträge, die etwa folgendes aussagen: Groth betrauere seinen verstorbenen oder im Krieg gefallenen Bruder Johann. Zum Beispiel sei er - das ist der Gipfel - im Krieg 1870 gestorben. Groth rede also praktisch am Grab des Bruders.

Dies ist ein gutes Beispiel dafür, dass man sich die Quellen im Internet sehr genau ansehen muss, wobei häufiges Auftreten einer Aussage keine Gewähr für die Richtigkeit bietet; denn nachweislich hat Groth das Gedicht 1851 zu Lebzeiten seines Bruders geschrieben, der erst acht Jahre später, 1859, gestorben ist. Der Bruder hat ihn bei seiner Wanderung von Fehmarn nach Kiel begleitet und war ihm dabei eine große Hilfe. Bei der Interpretation muss also die Trauer um den Tod beiseite gelassen werden. Wenn es erlaubt ist, das lyrische Ich mit Groth gleichzusetzen, dann spricht er seinen Bruder direkt an und schildert seine Befindlichkeit.

 

Wenn es also um Trauer geht, dann ist es die Trauer um den Verlust der Kindheit und den Verlust der Nähe zum Bruder. Es ist, glaube ich, nicht zu weit hergeholt, wenn man feststellt: Hier beschreibt jemand dem Bruder (und uns) seine Wehmut und Einsamkeit, heute würde man vielleicht seine Depression sagen. Tröstlich ist der Gedanke, dass jemand, der ein solches Gedicht schreibt, aus seiner Depression herausgefunden haben muss.

 

 

1 P. Wapnewski: Brunnen, Mond und Stille. Eine Interpretation von Groths „Min Jehann“ aus der von Marcel Reich-Ranicki besorgten Reihe „Frankfurter Anthologie“ der FAZ. In: Klaus-Groth-Ge­sell­schaft. Jahresgabe 39 (1997), 25-27.997)

 

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